Soll ich meinen gebrauchten Computer für Afrika spenden?

Good Luck Computers

Schild eines Computerladens in Ghana (CC Chapman, flickr)

In einer Lokalzeitung las ich kürzlich über eine Firma, die ihre ausgemusterten Computer an eine Organisation gespendet hat, die diese nun nach Afrika schickt. Da ich Sachspenden (gifts in kind) grundsätzlich kritisch sehe, insbesondere das Spenden von Secondhand-Dingen „für Afrika“, habe ich ein wenig zum Thema recherchiert. Gleich vorweg: Ich gebe im Folgenden keine Empfehlungen für Organisationen an die man spenden kann; nach meiner Kurzrecherche kann ich keine Aussagen über die Qualität der Arbeit einzelner Organisationen treffen. Hier gilt wie auch sonst in Bezug auf Spenden, dass man kritisch hinterfragen sollte, was genau mit dem Geld, bzw. den gespendeten Dingen passiert, wie Rechenschaft abgelegt wird und ob wirklich ein Bedarf vor Ort besteht (siehe auch diesen Beitrag von mir).

Die Sachspende, eine schwierige Sache

Warum bin ich Sachspenden gegenüber kritisch eingestellt? Das Spenden von alten Dingen „für Afrika“ steht in einer paternalistischen Tradition und ist oft mit einer stereotypen Vorstellung von „die haben ja nichts“ (und können daher auch mit altem Schrott gebrauchten Dingen etwas anfangen) verbunden. Ich möchte niemandem ihre oder seine guten Absichten absprechen, denn auch ich mache mir viele Gedanken darüber, wie gut erhaltene Dinge, die ich nicht mehr benötige, noch sinnvoll genutzt werden könnten.

Das Spenden ausrangierter Güter bringt aber auch eine gewisse Verantwortung mit sich. Die Geschichte der Altkleider, die vor allem den Sammelnden nutzen und lokale Textilmärkte zerstört haben, ist bestens dokumentiert. Laura Seay hat einiges an Forschung über negative Effekte von Kleiderspenden zusammengetragen. Unter ihrem Blog-Post kommentiert TMS Ruge übrigens:„Gebrauchte (lies: veraltete) Computer werden massenweise unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit auf dem [afrikanischen] Kontinent abgeladen. In Wahrheit aber ist es einfach billiger, sie dort auf den Müll zu werfen, anstatt sie zu recyceln oder verantwortungsvoll zu entsorgen.“ [Meine Übersetzung]

Ein weiteres Argument gegen Sachspenden: Fast alle Dinge bis hin zu technischem Gerät gibt es inzwischen auf lokalen Märkten der allermeisten afrikanischen Länder zu kaufen und der Kauf vor Ort unterstützt die lokale Wirtschaft. Auch wenn ggfs. die Preise höher sind, so kann sich das durchaus lohnen, wenn man bedenkt, dass auch für den Transport und den Import gespendeter Güter Kosten für Transport und Zölle in Höhe von mehreren Tausend Euro pro Containerladung anfallen, von späterer Wartung und der Beschaffung von Ersatzteilen ganz abgesehen.

Used computers

Gebrauchte Computer, Nigeria (luigig, flickr)

„Computer für Afrika“: die vier Kategorien der Spendenorganisationen

Eine kurze Stichwortsuche ergibt rasch eine Vielzahl von Organisationen, die „Computer für Afrika“ spenden. Die Vorgehensweise ist dabei recht unterschiedlich und reicht von „einfach Hinschicken“ bis zur umfassenden Programmarbeit im Bereich Medienkompetenz. Die Arbeitsweise der Organisationen lässt sich grob in vier Kategorien einteilen:

  • „Weiterleiter“: Gespendete Hardware wird in ein bestimmtes Zielland geschickt, ohne sie vorher auf Funktionstüchtigkeit zu prüfen, zu überholen und ggfs. Software zu checken; es gibt vor Ort auch keine Programme zur Umsetzung
  • „Überholer“: Gespendete Hardware wird überholt, nur funktionstüchtige Teile werden abgegeben, ggfs. mit an das jeweilige Zielpublikum angepasstem Betriebssystem und Software. Entweder bestehen bereits Kontakte zu EmpfängerInnen oder aber gemeinnützige Organisationen können Bedarf an solchen überholten Geräten anmelden und sie für geringe Gebüren erwerben.
  • „Spender“: Gespendete Hardware wird überholt und vor Ort (in Deutschland/westlichem Land) verkauft, die Erlöse werden für IT-Projekte gespendet
  • „IT und/oder Medien-Projekte“: Organisationen, die Spenden für IT-Projekte sammeln (etwa Ausrüstung von Schulklassen), aber keine Hardware in westlichen Ländern annehmen.

Es gibt außerdem eine Reihe von großen und kleinen NGOs, die Programme und Projekte im Bereich Mediennutzung- und Kompetenz umsetzen oder unterstützen, d.h., Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen hierbei nicht nur, Rechner zu bedienen, sondern auch sie für ihre Zwecke zu nutzen, etwa, um Kampagnen durchzuführen, Videos zu produzieren, etc.

Arab lettering on Egyptian computer keyboard

Arabische Schriftzeichen (BlatantWorld.org, flickr)

Computerspende – gut oder schlecht?

Grundsätzlich ist es sinnvoll, nur wenige Jahre alte Computer, die durch neuere ersetzt worden sind, wiederzuverwerten – es gibt dabei aber eine Reihe von Fragen, die geklärt werden müssen, etwa:

  • Je kürzer der Weg… desto geringer die Transport- und Umweltkosten. Es gibt inzwischen in Deutschland oder anderen westlichen Ländern viele Initiativen, die gebrauchte Rechner und anderes Gerät sammeln, überholen und an NutzerInnen vor Ort abgeben.
  • Elektroschrott: Immer wieder wird über gigantische Müllberge von „E-Waste“ in Afrika berichtet, sehr gut dokumentiert ist etwa die Müllindustrie in Ghana. Rund 500 Container mit Elektroschrott pro Monat landen alleine in Accra. Ganze Familien leben hier vom recyceln von Elektroschrott, meist unter Bedingungen, die Gesundheit und Umwelt massiv gefährden. Ein Problem: „Warum Geld fürs Recycling bezahlen – wenn man doch für das Schrott-Dumping in Afrika auch noch Geld bekommt?“ heißt es im Beitrag bei DRadio.
  • (unsichere) Stromversorgung: Selbst an vielen abgelegene Orte Afrikas gibt es zwar inzwischen Strom, oft ist er aber rationiert oder es kommt zu häufigen Stromausfällen und Schwankungen im Netz. Damit man unter diesen Bedingungen mit einem Computer arbeiten kann sind entweder teure Generatoren notwendig oder aber sog. UPS , Geräte, die zwischen Computer und Stromanschluss geschaltet werden, um Störungen abzufedern (und z.B. Datenverlust zu verhindern). Ebenfalls teuer – aber bei Computerspenden sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass entsprechende Systeme vorhanden sind oder mit angeschafft werden. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Desktopsysteme überhaupt vor Ort nutzen oder zu aufwändig zu warten sind. Hierzu ein kurzer Beitrag über eine in Malawi erprobte Alternative mit ThinClients)
  • Bedarf vor Ort: Spenden sind oft „gut gemeint“ –jemand beobachtet, dass vor Ort etwas fehlt (etwa Computer an afrikanischen Schulen) und beschließt, Abhilfe zu schaffen. Ganz wesentlich ist aber, vorher gemeinsam mit den Menschen vor Ort zu erörtern, welchen Bedarf sie haben – und wie Computer genutzt werden können. Sprich: Leiten Personen vor Ort entsprechende Initiativen? Etwas zu geben, mag gut gemeint sein, wenn das Gegebene dann höflich empfangen, aber nie genutzt wird, hat es keinen Effekt.
  • Ausstattung: Wie werden die Computer (oder sonstigen Geräte) geliefert: D.h. wie alt sind sie, welches Betriebssystem und welche Software laufen darauf, welches Zubehör gibt es oder welche Kabel und Stecker werden mitgeliefert? Eine Windows-Version in Deutsch ist international nutzlos, ebenso wie die deutsche Tastatur (in französisch- oder englischsprachigen Ländern unterscheidet sich die Anordnung der Symbole von der deutschen QWERTZ-Tastatur).

Eine sehr gute Übersicht darüber, was rund um „Computer für Schulen spenden“ zu beachten ist, gibt es im Blog von Tim Unwin, Experte für IT und Entwicklung.

Hier ein Interview mit Alex Antener, der verschiedene Computerprojekte in Malawi umgesetzt hat, und sich im Bereich freie Software engagiert.  Seine Haltung zur Computerspende: „Die Haltung [alte Computer für Afrika zu spenden] empfinde ich als unehrlich und inkonsequent. Auch eine afrikanische Elite an einer Universität, wie beispielsweise der Polytechnic [an der University of Malawi], verdient es, mit den neusten Technologien zu arbeiten.“

Schließlich stellt sich auch die Frage ob Computerräume an Schulen überhaupt noch zeitgemäß sind oder eine mobile Lösung nicht sinnvoller wäre – das beinhaltet nicht nur Tablets oder Laptops sondern auch vermeintlich simple Lösungen wie „COWs“ (Computers on Wheels – Computer auf Rädern), also Computern auf Rolltischen, die dort hingeschoben werden können, wo sie gerade benötigt werden. Eine interessante Diskussion dazu in einem Post von Michael Trucano im ICT-Blog der Weltbank.

Westville Primary - Computer Lab

Computerraum, Westville Primary School, Südafrika (teachandlearn, flickr)

Fairerweise muss man jedoch auch sagen, dass es auch Menschen gibt, die sich über diese Dinge Gedanken machen und z.B. Computer nur bis zu einer bestimmten Nutzungsdauer (z.B. max. 4 Jahre) annehmen und diese so ausrüsten, dass sie dem jeweiligen lokalen Bedarf entsprechen und dabei eng mit lokalen Initiativen zusammenarbeiten. Wichtig ist hier insbesondere, dass technische Geräte nicht irgendwo einfach angeliefert und dann vergessen werden. Es muss in jedem Fall dafür Sorge getragen werden, dass die Geräte aufgebaut, installiert und regelmäßig gewartet werden können. Auch bekannte Verschleißteile müssen erhältlich sein und es muss sichergestellt werden, dass es, etwa im Fall von Computerspenden für Schulen, auch entsprechend ausgebildetes Lehrpersonal vor Ort gibt, und die Schulkinder die Geräte auch wirklich im Unterricht nutzen.

Mein Fazit

Angesichts der großen Probleme mit Elektroschrott, den Transportkosten, den Fragen nach Wartung und der richtigen Ausrüstung von IT-Geräten scheint es mir persönlich am Sinnvollsten, gebrauchte Rechner und andere Geräte an Organisationen zu spenden, die sie hier vor Ort überholen und an NutzerInnen in Deutschland abgeben. Eine fachgerechte Entsorgung ist auf jedem Wertstoffhof möglich (teils gibt es sogar Elektroschrottsammlungen mit dem regulären Sperrmüll). Programme in Afrika können über (seriöse) Organisationen unterstützt werden, die bereits vor Ort tätig sind und über entsprechende Erfahrung verfügen, bzw. Kontakte zu lokalen Einrichtungen und Organisationen haben, welche konkrete Bedarfe angezeigt haben.

Computer training sign in Africa

Foto: crystalskull, flickr

7 Kommentare

  1. Sebastian

    Danke für den informativen und interessanten Artikel.
    Ich selbst nutze fast ausschließlich gebrauchte Computer und Hardware, weil ich mitlerweile nicht mehr jeden neuen Leistungsschub mitmachen muss. Für das einfache Arbeiten am PC und kleine Aufgaben reichen die Computer völlig aus. Ich beziehe dabei alle Geräte immer von einem deutschen Händler (http://www.noteboox.de), da ich hier mit der Zeit sehr gute Erfahrungen gemacht habe.
    Zudem konnten wir auch schon bei einer Schule 2 komplette Räume mit gebrauchten Thin-Clients ausstatten, eine Neuanschaffung wäre hier aus Kostengründen gar nicht möglich gewesen.
    Daher sollte man meiner Meinung nach immer überlegen, ob auch ein gebrauchtes Gerät reicht und wenn es „nur“ der Umwelt zuliebe ist =)

  2. Digital Helpers freut sich über eure Computer-Spende! Wir verteilen diese auch nur in Deutschland, denn immerhin haben 19% aller Deutschen keinen eigenen Computer (Statistisches Bundesamt 2013). Mehr erfahrt ihr hier: http://digitalhelpers.org/hintergrund/digitale-spaltung/

  3. Hallo,

    ich gebe hier mal noch hinzu, das die Studien zur Schwächung lokaler Textilproduktion in Afrika durch Kleiderspenden vorallem die 80er und 90er Jahren betrafen. Heute sind Asiatische Billigimporte vielmehr das Problem und Ware aus Europa die nach Afrika zum Verkauf gelangt ist da eher gefragt, weil sie eine höhere Qualität (Baumwollanteil) hat. Siehe dazu auch die Seite von http://www.fairwertung.de/info/exporte/index.html

    Der größte Anteil von textilen Sachspenden geht nicht nach Afrika sondern wird noch in Deutschland recycelt oder entsorgt. Siehe dazu auch: http://www.fairwertung.de/info/hintergrund/zahlen.2/index.html

    Das Importverbot von Altkleidern, zum Beispiel in Äthiopien war sinnvoll weil das Land über ein hohe Dichte an lederverarbeitenden Firmen verfügt. Es ging dabei aber eher um Schuhe als um Kleider. Siehe dazu http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/maerkte,did=71622.html Die Produktion krankt aber nicht an der Konkurrenz sondern an der Ausbildung und der Technik.
    Tunesien gehört zum Beispiel zum Hauptexporteur von Textilien in Afrika nach Europa, auch Deutschland: http://www.textil-bekleidung.de/uploads/media/Zahlen_zur_TuBI_Statistik_2011.pdf
    Es führt aber immer noch Altkleider ein. Hier geht es also auch um wirtschaftliche Rahmenbedingungen wie ausgebildetes Personal und Investoren die eine Produktion weltmarktfähig machen und helfen den lokalen Konsum anzukurbeln. Auch in Afrika entscheiden die Kunden, was sie anziehen möchten und nicht der deutsche Spender.

    Viele Grüße

    Kurt Manus
    Fundraiser-Magazin

  4. Claire

    Vielen Dank für Eure Kommentare und Ergänzungen. Scheint, als hätte ich mit dem Thema einen Nerv getroffen, aber das wundert auch nicht, weil ja inzwischen fast jede schon mehrmals die eigene Hardware durchgetauscht haben dürfte (vermutlich passiert das in privaten Haushalten weit öfter als in Firmenbüros, jedenfalls ist das meine Erfahrung).

  5. Für (noch funktionierende) Hardware gibt es seit kurzem hier auch ein Projekt: http://hardware-fuer-alle.de

  6. Danke fuer die detaillierte Aufarbeitung, Claire!
    Die Frage ‚Soll ich…nach Afrika schicken?‘ kann man in den allermeisten Faellen mit einem klaren ‚NEIN!‘ beantworten.
    Auf meinem Blog ging es z.B. schon mal um gebrauchte Schuhe (‚Shoes for Souls, good intentions and the bumpy road of DIY aid learning‘ http://aidnography.blogspot.ca/2012/05/shoes-for-souls-good-intentions-and.html).
    Auch ‚One Laptop Per Child‘ (OLPC) die ja mit einem neuen Billig-Laptop die Maerkte im globalen Sueden aufmischen wollten, tun sich schwer und geraten immer wieder in die Kritik (Ein aktueller Beitrag der den OLPC-Chef auch persoenlich angreift, aber sich auch inhaltlich mit dem Thema auseinandersetzt (Fazit: In einer Welt der tablets und Smartphones braucht man keine ‚Computer‘ (mehr): http://readwrite.com/2013/01/07/i-cant-wait-to-get-the-new-olpc-machine-says-no-one). Und da wir ja hier bei den Ethnologen sind: ‚OLPC in Ethiopia: The thin line between digital innovation, cargo cult and peoples on parade‘ (http://aidnography.blogspot.ca/2012/11/olpc-in-ethiopia-thin-line-between.html). Fazit hier: Alles, was nach ’neutraler‘ Technik aussieht braucht trotzdem eine kulturelle Einbindung und am besten ethnologische Begleitforschung :)!

  7. Reblogged this on blog.weitzenegger.de and commented:
    Stimmt Claire, dann verschenke ich meine Altgeräte doch lieber hier vor Ort.

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