Evaluierung und Feminismus – wie passt das zusammen?

My M&E  ist eine interaktive Plattform zum Lernen und dem Teilen von Wissen  im Bereich M&E („Monitoring und Evaluierung“ oder „Wirkungskontrolle“) in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Seit Kurzem läuft ein Online-Kurs zur „Development Evaluation“, in dessen Verlauf einige sehr erfahrene EvaluatorInnen ihr Wissen mit allen Interessierten weltweit teilen.

Die Einheit in der laufenden Woche behandelt das Thema „Strengthening equity-focused evaluations through insights from feminist theory and approaches“. Katherine Hay (IDRC, New Delhi) und Ratna M. Sudarshan (Institute für Social Studies Trust, New Delhi) stellen darin anhand zahlreicher Praxisbeispiele die Bedeutung feministischer Theorie und Ansätze im Kontext der sog. equity-focused evaluations, bzw. Evaluierungen, die explizit auf Gerechtigkeit achten, vor.

Der Hintergrund des equity-focused-Ansatzes ist, dass sich gezeigt hat, dass in vielen Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit die am meisten marginalisierten oft am wenigsten profitieren und im Gegenzug diejenigen, die vergleichsweise bessergestellt sind, überdurchschnittlich stark profitieren.

Die equity-Perspektive achtet daher besonders auf Verteilungsgerechtigkeit und die Inklusion besonders marginalisierter und benachteiligter Gruppen, bzw. analysiert die Auswirkung von Maßnahmen der EZ auf diese.

Was kann die feministische Perspektive dazu beitragen?

Feminismus ist leider für viele Menschen ein Reizwort und wird nur allzu oft (bewußt) falsch verstanden. Katherine Hay und Ratna M. Sudarshan zeigen in ihrem Beitrag dagegen, warum eine feministische Perspektive wichtig ist und belegen überdies, dass sie längst Einzug in viele Bereiche der EZ und auch der Evaluierungspraxis gehalten hat.

Katherine Hay erwähnt etwa, dass feministische Ansätze in der Ökonomie schon lange verankert sind und dort etwa dazu geführt haben, dass die Einheit des „Haushaltes“ zu einer zentralen Analyseeinheit wurde. Ungleiche Einkommensverteilung oder die vielfach unbezahlte (Reproduktions)-Arbeit von Frauen werden hier z.B. untersucht.

Der Kern und der Fokus feministischer Ansätze – nicht nur im EZ-Kontext – ist die Analyse von und die Auseinandersetzung mit Ungleichheit und der Verteilung von Macht. Daher ist die Beschäftigung mit feministischen Ansätzen unumgänglich, wenn man sich mit Themen wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit befasst und wenn man existierende Machtunterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen besser verstehen will.

Katherine Hays Definition von feministischer Analyse ist: „A way of understanding how gender and other social cleavages (such as race, class, sexuality, caste and religion) define and shape the experience and exercise of power in certain contexts.” (Eine Art und Weise zu verstehen, wie Gender und andere soziale Spaltungen (wie etwa Rasse, Klasse, Sexualität und Religion) Erfahrungen und Ausüben von Macht in bestimmten Kontexten bestimmen und formen).

Sie stellt heraus, dass feministische Ansätzen keine essentialistischen Aussagen treffen und es nicht darum geht, das “Frauen” so und “Männer” anders sind. Vielmehr legt die feministische Perspektive das Augenmerk auf Machtunterschiede und versucht zu verstehen, welche Individuen und Gruppen in einem bestimmten Kontext besonders benachteiligt sind – und auch welche dominieren. Sie stellt die Frage danach, wer in einem bestimmten Kontext profitiert, wer Privilegien genießt und ob durch bestimmte Interventionen möglicherweise bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt werden.

Die feministische Perspektive ist eine explizit politische, der es nicht nur darum geht, Ungleichheit und Ungerechtigkeit sichtbar zu machen sondern auch Wege zu finden, diese Zustände zu ändern.

Praxisbeispiel: Kinderbetreuung kann auch schädlich sein

Ein Beispiel Hays’ aus dem Kontext der EZ-Praxis: In einem Projekt zur Steigerung der Einkommen in ländlichen Gebieten Indiens, das insbesondere auch Frauen zur Zielgruppe hatte, wurden Strukturen zur Kinderbetreuung geschaffen, damit auch Mütter an der Maßnahme teilnehmen konnten. Die Evaluatorinnen fanden heraus, dass die Teilnahme von Müttern zwar hoch, die Akzeptanz der Betreuungseinrichtungen jedoch gering war.

Stattdessen wurden oft jüngere, weibliche Familienangehörige, z.B. Töchter, zur Kinderbetreuung eingesetzt, was wiederum dazu führte, dass diese nicht mehr zur Schule gehen konnten.

Das Projektziel, Müttern aus ländlichen Gebieten Zugang zu mehr Einkommen zu schaffen, war erreicht worden. Gleichzeitig zeigt die nähere Betrachtung jedoch, dass diejenigen (jungen) Frauen, die zur Kinderbetreuung herangezogen wurden, ganz und gar nicht von der Maßnahme profitierten. (Ganz allgemein veranschaulicht das überdies die Komplexität, in der sich Vorhaben der EZ abspielen und die vielen Konsequenzen, die bereits bei der Planung berücksichtigt werden müssen.)

Wichtig ist schließlich auch der reflexive Ansatz feministischer Perspektiven, der EvaluatorInnen dazu bewegt, sich selbst und die eingesetzten Methoden und Instrumente fortlaufend kritisch zu hinterfragen. Anders als vermeintlich objektive Ansätze der Evaluierungsarbeit (die es meiner Ansicht nach gar nicht geben kann), ist der feministische Ansatz einer, der auch klar das Augenmerk auf die Positionierung der Evaluatorin und den größeren gesellschaftlichen Kontext legt, in dem sich die beteiligten Akteure bewegen.

Somit erkennt er an, dass Evaluierungen, wie überhaupt jede Intervention im Bereich der EZ, politische Handlungen sind, die sich im Spannungsfeld von Machtbeziehungen und Aushandlungsprozessen abspielen.

Evaluierung ist im Übrigen nichts EZ-Spezifisches, auch hierzulande werden stetig Projekte und Vorhaben evaluiert und „gemonitort“, also ist auch die hier beschriebene feministische Sichtweise durchaus eine, die jedeR auch im eigenen Kontext anwenden kann.

Nachtrag: Bei Engendering Policy through Evaluation kann man mehr zum Thema finden.

4 Kommentare

  1. Pingback: Links zum Wochenende #6 | Claire Grauer

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  3. Maria

    Warum wurden in dem Beispiel die Kinderbetreuungseinrichtungen nicht akzeptiert?

    • Claire

      Das wurde nicht explizit ausgeführt; es hieß nur, dass private Betreuung, d.h. durch Familienmitglieder, meist ältere Töchter, bevorzugt wurde. Ich finde das ein interessantes Beispiel dafür, wie etwas mit guter Absicht initiiert wird (Kinderbetreuung), aber während Planung und Durchführung dann zu wenig darauf geachtet wird, ob es wirklich das ist, was sich die TeilnehmerInnen wünschen, bzw. ob es ihre Erwartungen in Bezug auf Qualität, Vertrauenswürdigkeit, etc. trifft.

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