Wieder im Fokus: Familienplanung

Update 12.7.2012: Hier kann man nachlesen, wie hoch die Zusagen der auf dem Gipfel vertretenen Parteien für Programme der Familienplanung sind, hier die zugehörige Pressemitteilung von DFID und der Gates-Stiftung.

Über 2,6 Milliarden US-Dollar wurden von verschiedenen Regierungen und Institutionen zugesagt. Die größten Einzelbeiträge kommen von der britischen Regierung (800 Mio.), der Gates-Stiftung (560 Mio.), UNFPA (378 Mio.), Norwegen (200 Mio.), die Niederlande (160 Mio.), Frankreich (125 Mio.) und Deutschland (122 Mio.). Außerdem eine ganze Reihe zwei- und einstelliger Beträge weiterer Geberländer.

Die Gelder sind ausschließlich für Maßnahmen der Familienplanung gedacht, was separat von Maßnahmen der sexuellen und reproduktiven Gesundheit gesehen wird, wie aus den Erläuterungen in der dritten Spalte ersichtlich wird. Neben Vertreter_innen der Geberländer viele Staats- und Regierungschef_innen von Entwicklungsländern gesprochen und ihre Unterstützung für den Ausbau des Zugangs zu Familienplanung in ihren Ländern signalisiert.

Spannend wird es natürlich erst jetzt, wo es an die Umsetzung geht, denn Geld alleine reicht natürlich nicht aus, um sinnvolle Maßnahmen umzusetzen und Wirkungen zu erzielen. Bis 2020 möchte die Gates-Stiftung mit ihren Partnern 120 Millionen Frauen, die bislang keinen Zugang zu Familienplanung haben, diesen ermöglichen. Es ist also wünschenswert, dass dazu nicht nur die finanziellen Zusagen eingehalten, sondern vor allem den zustimmenden Worten auch konkrete und wirkungsvolle Taten folgen werden.

Beitrag vom 11.7.2012

Heute, am Weltbevölkerungstag, findet in London der London Summit on Family Planning statt, organisiert von der Bill und Melinda Gates-Stiftung und der Britischen Regierung in Zusammenarbeit mit UNFPA, dem UN-Bevölkerungsfonds. Auf der verlinkten Seite kann der Tag im Livestream verfolgt werden.

Anliegen des Gipfels ist es, die internationale Aufmerksamkeit wieder vermehrt auf das Thema Familienplanung zu lenken, da es in den vergangenen Jahren weit aus dem Fokus internationaler Gesundheitsprogramme gerutscht war.

Insbesondere ist das Ziel, 120 Millionen Frauen bis zum Jahr 2020 Zugang zu Verhütungsmitteln und Informationen über Familienplanung zu verschaffen. Dazu sind angepasste Policies, Investitionen in Gesundheitssysteme sowie die Entwicklung von Kommunikationsstrategien nötig. Im Lauf des Gipfels soll bekanntgegeben werden, wie viele Mittel dazu mobilisiert werden; Reuters schätzt, dass es ein höherer dreistelliger (US$-)Millionenbetrag wird.

Das Anliegen der Gates-Stiftung ist, dass jede Frau das Recht dazu hat, selbst zu entscheiden, ob und wann sie schwanger werden möchte. Dafür sollen dann entsprechend Mittel bereit gestellt werden.

Verhütungsmittel alleine sind keine Lösung

Es bleibt allerdings abzuwarten, inwieweit sich ein wirklich umfassender Ansatz daraus entwickelt. Denn die Bereitstellung von Verhütungsmitteln und Information über Geburtenkontrolle ist nur ein Aspekt hierbei. Fast noch wichtiger ist, das Thema Sexualität als solches zu enttabuisieren und damit Frauen und Männern, Mädchen und Jungen überall auf der Welt überhaupt das entsprechende Wissen über ihre Körper und Sexualität zu vermitteln.

Das wiederum lässt sich schwierig in Programme packen, denn Maßnahmen, die zur Änderung von Verhalten und Einstellungen beitragen, greifen nicht kurzfristig und lassen sich auch nicht so leicht messen wie „Verteilen von x Medikamentenpackungen“.

Bislang ist es in vielen Gesellschaften (zum Teil durchaus auch in den vermeintlich aufgeklärten Industriegesellschaften) noch lange nicht üblich, dass Eltern mit ihren Kindern offen über Sexualität sprechen oder dass es angemessenen Sexualkundeunterricht in den Schulen gibt.

In der Arbeit zur HIV-Prävention in Tansania ist mir oft die Meinung begegnet, dass man Jugendliche nicht aufklären solle, da sie dann erst Recht Sex haben wollten und dann die Gefahr einer HIV-Infektion (oder ungewollten Schwangerschaft) viel höher sei. Ich bin da anderer Ansicht, und auch die hohe Anzahl von Teenagerschwangerschaften in vielen Ländern Afrikas (aber z.B. auch der USA, wo ein ebenfalls restriktives Verhältnis zu Teenager-Sexualität herrscht) spricht hier Bände.

Ich bin also gespannt, was das Ergebnis des Gipfels sein wird und welche Programme dem folgen. Es ist übrigens beeindruckend, fast könnte man schon sagen erschreckend, welche Rolle die Gates-Stiftung als Agenda-Setter spielen kann. Seit Monaten ist Melinda Gates in Talkshows und auf Konferenzen präsent und im Vorfeld des Gipfels berichten einschlägige Medien im Bereich EZ sehr viel zum Thema. Auch eine Artikelreihe in The Lancet ist erschienen. Nur in den deutschsprachigen Medien geht das Thema irgendwie unter. Das BMZ hat immerhin eine Pressemeldung veröffentlicht

Weitere Informationen

Twitter-Hashtag: #FPSummit

Meldung und einige Zusatzinformationen der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, die auch am FPSummit teilnimmt

Ein Beitrag von Tom Murphy von A View From The Cave mit Verweisen auf Aktivitäten der Gates-Stiftung; er wird im Lauf des Tages sicher noch mehr auf seinem Blog dazu schreiben

4 Kommentare

  1. Das größte Problem Afrikas bleibt die beängstigende Bevölkerungsexplosion. Nur ein Beispiel: Nigeria hat derzeit 160 Millionen Einwohner. Die UNO geht von einem Anstieg auf 730 Millionen im Jahr 2100 aus. Mit diesem Bevölkerungswachstum wird es keine Wohlstandsfortschritte geben können.Positives Beispiel: Auf Initiative der damaligen Frauenministerin wurde im Senegal bereits 1996 von den Imamen anlässlich
    des Freitagsgebetes öffentlich in den Moscheen über die Notwendigkeit und Pflicht jedes Familienvaters gepredigt, die Gesundheit seiner Familie durch den Gebrauch von Kondomen zu schützen.
    Volker Seitz, Autor „Afrika wird armregiert“

    • kleineethnologin

      Den Begriff „Bevölkerungsexplosion“ finde ich nicht gut, weil er ein zu negatives Bild vermittelt (wobei ich natürlich zustimme, dass ein zu starkes Bevölkerungswachstum problematisch sein kann). So gut der Ansatz aus dem Senegal ist, den Sie zitieren, er lässt dennoch zwei Dinge außen vor: er richtet sich explizit an Männer, allerdings müssen auch Frauen und Familien als Ganzes beteiligt werden.
      Und: „Benutzt Kondome“ alleine reicht nicht aus, sondern es muss auch ein gesellschaftliches Klima herrschen, in dem es jedem Mädchen und jeder Frau möglich ist, selbst entscheiden zu können, wie sie ihre Sexualität lebt und ungewollte Schwangerschaften vermeiden kann. Dazu müssen die Betroffenen zunächst einmal wissen, wie Schwangerschaften entstehen, wie Verhütung funktioniert, und sie müssen Fragen stellen können und es muss ein Klima herrschen, in dem es möglich ist, solche Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten. Nur dann können sie selbst entscheiden.
      Außerdem muss eine Gesellschaft die Entscheidungen auch respektieren. Alles in allem ein langer und komplexer Prozess, der natürlich Politiker_innen bedarf, die sich dafür einsetzen, genau so wichtig sind aber auch Medien und insbesondere viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die entsprechende Dialoge anstoßen und aufrecht erhalten.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Live-Tweets vom London Summit on Family Planning

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: