Frauenprotest in Uganda – nackt und nackt sind zwei Dinge

Gleich zweimal haben in den vergangenen Tagen ugandische Frauen in ungewöhnlicher Form protestiert: Einmal haben sie in BHs gegen die Festnahme der Oppositionspolitikerin Ingrid Turinawe demonstriert, die während ihrer Festnahme mehrmals von einem Polizisten begrapscht worden war. Die Umstände beschreibt die Journalistin Rosebell Kagumire in ihrem Blog, wo sie auch Videos des Vorfalls verlinkt hat.

Am Mittwoch vergangener Woche haben 60 Frauen nackt gegen das Vorhaben der Firma Madhvani Group protestiert, in Norduganda auf 40.000 ha Zuckerrohr anzubauen. Dies geschah, während hunderte Menschen gegen den Besuch von FirmenvertreterInnen und LokalpolitikerInnen demonstrierten, die in das Dorf Lakang gekommen waren, um die Menschen davon zu „überzeugen“ ihr Land Madhvani zu überlassen. Diese Form des Protests hat, wie ich weiter unten beschreibe, einen interessanten weltanschaulichen Hintergrund.

Protest gegen sexuelle Übergriffe auf Ingrid Turinawe in Kampala

UganderInnen sind gewalttätige Übergriffe durch die Polizei leider gewohnt, wie Rosebell Kagumire schreibt. Die Verhaftung Ingrid Turinawes setzt dem aber noch einmal etwas drauf: Bei ihrer Festnahme während einer von Oppositionsparteien organisierten Demonstration am vergangenen Freitag fasste ihr ein Polizist mehrmals an die Brust ohne dass seine Kollegen eingriffen. Auf ihre Nachfragen, was das solle, wurde nicht eingegangen.

Turinawe ist Aktivistin der Gruppe „Activists for Change“ (A4C), die seit mehreren Jahren friedliche Protestaktionen gegen die ungandische Regierung organisiert hat. Diese Gruppe wurde vor einiger Zeit verboten – laut Rosebell Kagumire im Zuge einer allgemeinen Tendenz der Regierung, die Rede- und Versammlungsfreiheit im Land massiv einzuschränken.

Kurz nach der Verhaftung machten viele ugandische TwitternutzerInnen darauf aufmerksam.  Und am gestrigen Montag protestierten Frauen vor dem Polizeipräsidium in Kampala in BHs gegen sexuelle Gewalt und die Festnahme Ingrid Turinawes, um den allen Frauen zustehenden Respekt einzufordern. Eine unbekannte Zahl von Frauen wurde verhaftet; ich konnte bislang keine aktuellen Informationen zum neuesten Stand finden.

Laut Rosebell Kagumire ist seit langem bekannt, dass die ugandische Polizei weiblichen Verhafteten gegenüber sexuell übergriffig und gewalttätig ist; sie zitiert mehrere Vorfälle, die nie geahndet wurden.

Vielleicht ist die zunehmende Verbreitung von Social Media hier ein Mittel, um vermehrte Aufmerksamkeit auch außerhalb Ugandas herzustellen, so wie in diesem Fall. Facebook, Twitter und Blogs erlauben, Informationen schnell zu verteilen und Öffentlichkeit herzustellen.

Protest gegen Land Grabbing in Norduganda

Die Ereignisse in Norduganda, wo Menschen gegen einen Konzern protestieren, der auf angeblich ungenutztem Land industrielle Landwirtschaft betreiben will, sind leider Teil eines unglücklichen Trends, der sich in vielen Ländern Afrikas breit gemacht hat: Land grabbing oder Landnahme. Hier einige Informationen und Hintergründe auf Deutsch.

Regierungen vieler Entwicklungsländer überlassen großen Konzernen (meist mit Sitz in Industrie- oder Schwellenländern wie China und Indien) riesige Landflächen zur Pacht oder zum Kauf. Das Land wird als „ungenutzt“ deklariert, auch wenn in den meisten Fällen seit Generationen Kleinbauern und Kleinbäuerinnen dort leben und das Land bebauen.

Das Problem ist, dass in den meisten Fällen die Rechtslage unklar ist. Es gibt i.d.R. keine verschriftlichen Landrechte oder, wie im Fall Äthiopiens, überhaupt keine Eigentumsrechte, hier gehört alles Land dem Staat, der es den Menschen überlässt, sie aber jederzeit vertreiben kann.

Die Proteste der Frauen in Norduganda spiegeln ihre Wut und Verzweiflung darüber, vom Staat alleine gelassen zu werden. Zwar hat ein Gericht im Sinne der Firma Madhvani entschieden, die Menschen jedoch möchten ihr Land nicht aufgeben und bezweifeln, dass sie jemals gleichwertigen oder überhaupt Ersatz erhalten.

Nacktheit als Protestform – was steckt dahinter?

Der Protest in Lakang hat eine interessante ethnologische Dimension: Im konkreten Fall in der Gesellschaft der Acholi in Norduganda scheint es so zu sein, dass es jungen Männern großes Unglück bringt, grauhaarige Frauen nackt zu sehen. Sie müssen sich danach einem Reinigungsritual unterziehen, um drohendes Unglück abzuwenden.

Der angegriffene Distriktchef behauptet zwar, er halte nichts von „solchen Dingen“ , es ist aber gut möglich, dass er innerlich vom Gegenteil überzeugt ist (das kann ich natürlich nicht wissen, geschweige denn belegen).

Für die Acholi ist die Tatsache, dass diese Form des Protests großes Unglück bringt, kein Glauben oder „Aberglaube“, es ist Realität. Es ist eine Form der Wahrnehmung der Welt und ein Mittel gesellschaftlicher Sanktionierung.

Der Vorfall zeigt, dass Frauen, ältere Frauen zumindest, eine gewisse Macht inner halb der Acholi-Gesellschaft innehaben. Sie haben die Macht, jüngere Männer in die Schranken zu weisen und ihnen Unglück zu bescheren, das nur durch ein Reinigungsritual wieder abgewendet werden kann.

Vielleicht kann jemand dazu noch mehr sagen, das würde mich interessieren, denn ich habe mich nie eingehend mit den Acholi beschäftigt.

Wie es scheint, wird es den Acholi aus Lakang jedoch wenig helfen; der Distriktchef verweist auf das Gerichtsurteil, das das bislang öffentlich zugängliche Land dem Konzern zugesprochen hat. Hier zeigt sich, dass traditionelle gesellschaftliche Sanktionierungssysteme im Konflikt zu modernen wirtschaftlichen Interessen stehen.

Mein eigentlicher Punkt war aber, darauf hinzuweisen, dass eine ähnliche Form des Protests – Nacktheit, ob mit oder ohne BH – ganz unterschiedliche Absichten und Hintergründe hat und, wie im Fall der Acholi, sogar einen kosmologische Bedeutung haben kann, die man als AußenstehendeR nicht notwendigerweise erfassen kann.

2 Kommentare

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schmerzensboys und die Schröder-Twitter-Petze – die Blogschau

  2. Auch in Uganda klaffen zwischen Worten und Taten immer noch erhebliche Lücken. Die dortige Regierung hat während der Hungerkrise in Ostafrika für 740 Millionen Dollar 6 hochmoderne russische Jagdbomber gekauft. “Die
    Presse“, Wien zitierte am 26. 07. 2011 ugandische Journalisten, die den Kaufpreis als ‘korruptionsbedingt’ hoch bezeichneten. Außerdem rechneten sie vor, dass “mit der Kaufsumme die 23000 Lehrer Ugandas 15 Jahre lang mit dem für sie landesüblichen Gehalt von 160 US Dollar pro Monat bezahlt werden oder-angesichts der aktuellen Hungerkrise- 1700 Kleinspitäler eingerichtet werden könnten.”
    Das Letzte was Afrika benötigt sind ausländische Investoren die afrikanisches Land bestellen und die lokale Bevölkerung -mit Hilfe einer korrupten Elite- übervorteilen. Wenn eine Regierung verantwortlich und transparent handelt und die Interessen der lokalen Bevölkerung achtet, kann dies positiv sein. Die Verpachtung darf nicht auf Kosten den Menschenrechten (Vertreibung der Menschen von Grund und Boden), Umwelt und Sozialstandards gehen. Wenn Arbeitsstellen geschaffen, Technologie vermittelt und Infrastruktur gestärkt
    wird, profitieren die Menschen in der Region. Dies erfordert kluge und faire Staatsführung, die dafür sorgt, dass die Bauern an den Erlösen partizipieren. Eine Warnung sollte der ugandischen Regierung die Vorgänge 2008 in Madagaskar sein. Dort wurde der damalige Präsident wegen undurchsichtiger Geschäfte mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo aus dem Amt gejagt.
    Volker Seitz, Autor „Afrika wird armregiert“

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