Braune Frauen

Die Zeitungen und TV-Nachrichtungen sind voll davon und heute hat der Bundestag zum ersten Mal in dieser Legislaturperiode eine Resolution verabschiedet, die alle Fraktionen, von Links bis CDU, mittragen: Die hässliche Fratze der braunen Gesinnung lässt uns alle erschauern und es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Wochen und Monaten Aufklärung in den Fall der Terroristen kommt, aber auch die Rolle der Verfassungsschutzbehörden und vor allem der V-Leute-Praxis gründlich untersucht werden. Anscheinend liegt da eine Menge im Argen.

Übers Wochenende habe ich einige interessante Artikel zur Rolle von Frauen in der rechten Szene gelesen. Gemeinhin gilt die Annahme, dass „die Rechten“ vor allem Männer sind, dumpfe Schläger, die sich in Kameradschaften zusammenrotten und Andersdenkende („Linke“ und „Ausländer“) verprügeln. Auch dieses Bild ist so nicht mehr ganz richtig, seit längerem schon versuchen sich Rechte im gemäßigten Auftritt, um auch jene Menschen zu interessieren, die sich weniger mit prügelnden Glatzen, aber doch irgendwie mit dem diffusen „Ausländer raus“ und nationaler Ideologie identifizieren können.

Die Rolle der Frauen in der Nazi-Szene

Worüber selten berichtet wurde ist, dass Frauen in der Nazi-Szene durchaus eine wichtige Rolle haben. Ins Bild rückt dies nun durch die Beteiligung einer Frau, Beate Z., an der Thüringer Terrorzelle. In einigen Medien wurde über ihre (weibliche) Rolle innerhalb des Trios spekuliert, was in einem Artikel bei SPIEGEL Online kritisiert wird – jemand, der 12 Jahre im Untergrund lebt, tut dies aus einer Gesinnung heraus, nicht wegen eines (oder zweier) Männer.

Zwei andere Artikel, bei SZ und taz, setzen sich mit der wirklichen Rolle von Frauen in der Nazi-Szene auseinander und kommen zu dem Schluss, dass Frauen, anders als es das öffentliche Bewußtsein meint, alles andere als dekorative Anhängsel von aktiven männlichen Nazis sind, sondern selbst auch aktiv in der Szene mitarbeiten. Im Gegenteil stellen die Frauen jedoch einen aktiven Part innerhalb der Nazi-Szene dar und nutzen sogar das Vorurteil, Frauen seien nicht politisch aktiv und auch nicht radikal, bewußt aus, indem sie zum Beispiel Veranstaltungsorte anmieten. Oder eben an Gewalttaten bis hin zu Morden beteiligt sind.

Dabei spielt natürlich auch ein Vorurteil eine Rolle, wonach Frauen an sich eher unpolitisch und nicht gewalttätig sind. Wie Andrea Röpke im oben verlinkten Artikel in der SZ schreibt, haben bisher sogar Gerichte Frauen, die an rechten Gewalttaten beteiligt waren, durchgängig milder bestraft als die Männer, die für die gleichen Taten verurteilt wurden – auch hier wohl wegen der Vororteile, Frauen seien nicht so gewalttätig wie Männer.

Öffentliche Diskussion ist nötig

Hier gibt es also viel nachzuholen: Einmal wird eshöchste Zeit, dass öffentlich diskutiert wird, wie sich in Deutschland die braune Gesinnung so hartnäcking halten kann und warum der Staat trotz einer Menge V-Leute (die auch eine Menge an Steuergeldern kassieren) anscheinend vom Wesentlichen nichts mitbekommt. Das ist in den letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund gerückt, seit dem 11. September 2001 kamen die Links- und vor allem islamistischen Terroristen immer mehr in den Fokus und der Regierung schien es nicht mehr wichtig, die Nazis im eigenen Land zu bekämpfen.

Hier ist anzumerken, dass bis 2005 eine rot-grüne und bis 2009 eine Große Koalition under SPD-Beteiligung regierten; nicht erst unter der jetzigen Regierung wurde das Thema Rechtsextremismus vernachlässigt.

Lange Jahre scheint man versucht haben, sich beim Thema Rechtsextremismus so zu verhalten, wie es auch bei anderen Dingen geschah: Aussitzen, Herunterspielen, Ablenken. Der Anlass der nun aufgedeckten Mordserie ist schlimm genug und sollte nicht nur die üblichen aktionistischen Politikerreflexe „eine Kommission gründen“, „ein Abwehrzentrum einrichten“, etc. sein. Vielmehr sollte dies nun dazu genutzt werden, ehrlich und schonungslos Bilanz zu ziehen und zukünftig wesentlich entschlossener gegen die Nazi-Gesinnung, die sich in viel zu vielen Köpfen in Deutschland (nicht nur im Osten!) ausgebreitet hat, zu thematisieren und sich ihr entgegenzustellen.

… und noch ein Nachtrag

Die Emma hat kürzlich einen Text aus dem aktuellen Heft über Volksmütter und Skingirls online gestellt, auch sehr lesenswert!

3 Kommentare

  1. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Sexistisch in den Advent und anderes Erhellendes in der Blogschau

  2. Kennst du das Buch „Mädelsache“ von Andrea Röpke und Andreas Speit? Ich bin leider noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Aber laut Bundeszentrale für politische Bildung sollen darin die unterschiedlichen Organisationsformen und Strategien weiblichen rechtsextremen Engagements vorgestellt werden, deren Vielschichtigkeit und Grenzen. Schwerpunkt scheint das verdeckte Engagement rechtsradikale Frauen zu sein, also im Sportverein, als Elternvertreterin usw.
    Warum das Thema Rechtsextremismus in der öffentlichen Debatte so vernachlässigt wird, wüsste ich auch gerne. (Gibt es dazu irgendwelche Studien?) Interessant finde ich, dass von Politiker häufig, wenn sie über rechte Gewalt bzw. Rechtsextremismus sprechen, im gleichen Atemzug auf die Gefahren des Linksextremismus hingewiesen wird, der ja nicht minder gefährlich sei. Meist wird dann angeführt, dass von Linksextremisten weitaus mehr Straftaten begangen würden, als von Rechtsextremisten. Das es sich, so weit ich das richtig erinnere, bei linker Gewalt weitaus häufiger um Sachbeschädigung handelt und weniger um Körperverletzung bis hin zum Mord, wird dabei ausgeklammert.
    Bedenklich finde ich auch das Verhalten zahlreicher Medien, die bei rechten Gewalttaten gerne darauf verweisen, dass Opfer und Täter sich ja gekannt hätten, es sich somit um eine Beziehungstat handelt – als ob das die rechte Gesinnung und Motivation vermindern würde.

    • kleineethnologin

      Von dem Buch habe ich gehört, darauf wird zur Zeit oft verwiesen, habe es aber noch nicht gelesen. Das mit den Straftaten finde ich auch bedenklich, da gibt es dieses merkwürdige Ungleichgewicht zwischen rechts und links. Hier war in den vergangenen Tagen auch viel die Rede davon, dass die Bundesregierung die Zahl der Menschen, die seit 1990 durch rechtsextreme Gewalt gestorben sind mit 47 (Frühjahr 2011) angab, während es nach Recherchen z.B. der Amadeu-Antonio-Stiftung inzwischen 182 sind (ok, zeitlicher Zahlenvergleich stimmt nicht ganz, aber ich konnte keine offizielle aktuelle Angabe der Bundesregierung finden). In jedem Fall zeigen die sehr weit auseinanderliegenden Zahlen, dass da etwas im Argen liegt.

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