Die Straße von Addis nach Awassa

Die Strecke von Addis Abeba nach Awassa beträgt gut 250 km und man braucht je nach Verkehrsaufkommen zwischen vier und fünf Stunden. Um diese Jahreszeit ist Addis staubig und von einer Dunstglocke bedeckt, die Fahrt über habe ich Kratzen im Hals vom Staub und den Abgasen der anderen Verkehrsteilnehmer, vor allem der vielen LKWs. Die meisten müssen schon Jahrzehnte alt sein.

An den Ausläufern von Addis sind viele Industriebetriebe angesiedelt, hier geht die Stadt langsam in das Ländliche über und zu meiner Überraschung teilen plötzlich Pferde- und Eselskarren die Straße mit den anderen Verkehrsteilnehmern. Je weiter wir nach Süden fahren, desto mehr dieser Karren teilen sich die Straße mit den anderen Verkehrsteilnehmern. Hier als Autofahrer unterwegs zu sein erfordert höchste Aufmerksamkeit, denn neben den Karren, die zwar beim Hupen meist auf den Seitenstreifen ausweichen, aber deren Last nicht selten dennoch weit auf die Fahrspur auslädt, laufen Fußgänger plötzlich auf die Straße, Radfahrer und Motorradtaxis vollführen unerwartete Wendungen und Tiere kreuzen die Straße, einzeln oder in Herden. Dies sind zumeist Ziegen, Kühe und auch Esel, die hier als Zug- und Lasttiere arbeiten. Heu, Kohle, Wasser, es gibt nichts, was die grauen Tiere nicht schicksalsergeben ziehen oder tragen würden.

Immer wieder halten wir an, um einer Handvoll oder einem Dutzend Tiere die Überquerung zu ermöglichen und ich frage mich, wie oft es wohl passiert, dass ein Auto oder LKW in eine Herde hinein rast. Und welchen Ärger dies wohl mit den Besitzern, bzw. denjenigen, welche die Herde hüten, geben mag. Vielleicht aber sind die hiesigen Fahrer auch zu gut auf den Viehwechsel eingestellt, so dass keine Unfälle dieser Art passieren. Ich habe vergessen den Fahrer danach zu fragen.

Hinter Addis beginnt bald das Great Rift Valley. Es ist Trockenzeit und weite Teile der Ernte sind eingefahren; überall sieht man gelbe, trockene, abgeerntete Felder und zu großen Mieten aufgeschichtete Teff-Garben. Zum Teil sieht man Männer beim Dreschen. Dies geschieht in Handarbeit oder aber mit einer Handvoll Kühe, die nebeneinander gebunden und im Kreis über das am Boden liegende Getreide getrieben werden, so lange, bis die Ähren leer sind. Vereinzelt sieht man auch Mähdrescher, doch zuallermeist ist die Ernte harte Handarbeit.

Immer wieder kommen wir an Wasserstellen vorbei, an denen die Menschen sich in einer langen Schlange aufgereiht haben und warten, bis sie ihre gelben Kanister füllen können. Die gefüllten Behälter transportieren sie oft mit Eseln zu ihren Häusern. Eines der typischen Bilder aus Afrika: Frauen und Kinder tragen Wasserbehälter, laufen weite Wege, stehen am Brunnen an.

Das Great Rift Valley wird bald zu einer großen Ebene mit weiten Flächen, nur am dunstigen Horizont kann man Bergketten erahnen. Ab und zu glänzt die Oberfläche eines der vielen Seen in der Ferne. Am Straßenrand gibt es Abschnitte, auf denen lokale Produkte angeboten werden, einmal gibt es rote Zwiebeln, in Mieten entlang der Straße angeboten, ein andermal Tomaten, und noch einmal später Kohl. Meine äthiopischen Kollegen werden sich auf der Rückreise mit großen Mengen davon eindecken, da man das Gemüse hier zum halben Preis im Vergleicht zur Stadt kaufen kann.

Unterwegs machen wir Kaffee-Pause. Der Kaffee wird hier in kleinen Tassen gereicht, stark und schwarz mit Zucker. Alle atmen noch einmal durch, dann steigen wir ins Auto und fahren weiter. Zwei Drittel der Strecke liegen noch vor uns.

Etwa bis zur Hälfte der Straße Richtung Awassa säumen immer wieder riesige Gewächshausanlagen den Weg. Vor allem holländische Firmen bauen hier Schnittblumen an und es scheint ein boomendes Geschäft zu sein, der Größe der Anlagen nach zu urteilen und der Tatsache, dass immer noch weitere gebaut werden. Das überrascht mich, da ich immer dachte, diese Anlagen gäbe es nur in Kenia, doch hier stehen sie auch und nicht zu knapp. Immer wieder sieht man Gruppen von Menschen hinter den Zäunen, die die Anlagen einfassen und ich frage mich, was wohl die Menschen von den Anlagen denken. Sie verdienen ihr Geld dort und sind wohl froh über diese Möglichkeit. Aber spüren sie auch die Umweltbeeinträchtigungen, die zweifelsohne davon ausgehen müssen? Irgendwo her muss ja das Wasser kommen. Und was denken sie wohl, für wen diese vielen Blumen geerntet werden? Wieder Fragen über Fragen, die ich nicht gestellt habe. Aber ich habe auch niemanden getroffen, der in einer solchen Anlage arbeitet.

Kurz vor Awassa wird das Land wieder hügeliger und grüner. Große, zum Teil abgeerntete Maisfelder liegen entlang der Straße und dann taucht rechts der Awassa-See auf. Hier passiert man die Grenze zwischen den Regionen Oromiya und SNNPR (Southern Nations’, Nationalities’ and People’s Region); Awassa ist die Hauptstadt der letzteren.

Awassa macht einen wesentlich ruhigeren Eindruck als Addis. Die Straßen sind sehr breit, nur zum Teil geteert, und die Gebäude meist nur wenige Stockwerke hoch. Es gibt eine Universität, viele Geschäfte und, wie in Addis, viele Rohbauten für Hotels und Shopping-Zentren. Die Moderne kommt auch hier an. Und warum auch nicht. Das afrikanische Dorf mit Schule unter dem Baum wird zunehmend Teil der Vergangenheit, und das zu bewerten überlasse ich anderen.

Mein Hotel heißt „Tadesse Enjory“ und hier verbringe ich die erste wirklich erholsame Nacht in Äthiopien. Mein Zimmer hat einen Fernseher, Strom, warmes Wasser, unglaublich luxuriös. Zudem reicht das WLAN der Hotelbar bis zu meinem Zimmer. Was für mich zu Hause so selbstverständlich ist, habe ich auch beim Reisen gerne um mich; ich merke wie bequem ich geworden bin. Ein wenig schade ist das schon, so fehlt dem Reisen etwas das Abenteuerliche, andererseits bin ich nach fünf Stunden auf einer staubigen Straße und dem anschließenden Besuch in zwei Dörfern unglaublich froh über die heiße Dusche sowie über das Internet, denn da kann ich über Skype mit zu Hause sprechen und deutsche Nachrichten lesen. Es siegt die Bequemlichkeit über das Bedürfnis nach Abenteuer.

Mein Besuch im Projektgebiet führt mich in die Stadt Leku, die Hauptstadt des Distriktes Shebedino sowie in einige Dörfer der Umgebung. Auch wenn der Besuch kurz ist, gibt er mir doch einen Eindruck von der Lebenswelt der hier hauptsächlich lebenden Sidama. Plan führt in dieser Gegend unter anderem ein Programm zur Ernährungssicherung durch. Hier auf dem Land wird ein großes Problem Äthiopiens sichtbar: das starke Bevölkerungswachstum. Überall ist das Land besiedelt, es scheint kaum größere freie Flächen zu geben. Land, ohnehin knapp, wird unter den Söhnen geteilt, so hat jede Generation immer noch weniger Ackerland und dementsprechend Nahrungsmittel zur Verfügung. Plan führt neue Anbaumethoden und Pflanzen ein, wie zum Beispiel die Süßkartoffel, die im Mai geerntet werden kann, wenn die Nahrungsmittelknappheit besonders schlimm ist. Auch den Gemüseanbau fördert Plan. Bisher haben viele Menschen kaum Gemüse angebaut. Plan unterstützt die Menschen beim Anlegen von Gemüsegärten, damit das Gemüse hinterher auf den Märkten der Umgebung verkauft werden kann. Angebaut werden Kartoffeln, Kohl und Paprika.

Auf dem Land bin ich immer lieber als in der Stadt; hier geht es ruhiger zu und man erfährt mehr darüber, wie die Menschen leben. Auch wenn es nur ein kurzer Eindruck, wie ein schneller Blick durch das Schlüsselloch ist, so ist es doch wieder ein kleines Mosaiksteinchen, dass ich meinem Bild von Afrika und meinem Bild von der Welt hinzufügen kann.

18.12.2010

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