Zum Thema Darstellung: Haiti

Ein Thema, mit dem ich mich gerne beschäftige ist das der representation, der Darstellung von Menschen und „Kulturen“. Dies ist schließlich eines der Kernthemen, mit denen man sich als Ethnologin auseinandersetzt: Wie gebe ich meine Eindrücke von einer anderen Gesellschaft und deren Angehörigen so wieder, dass sie den Menschen gerecht werden?

Das ist gar nicht so einfach, sind doch viele Dinge nicht so, wie sie zunächst erscheinen. Nach dem Erdbeben in Haiti ist viel geschrieben worden, über dieses Land, das „ärmste der westlichen Hemisphäre“, gezeichnet von Gewalt, bitterster Armut und Voodoo (Vorsicht, Klischeealarm!).

Ethnologen bemühen sich da um ein differenziertes Bild, so zum Beispiel Laura Wagner, die während des Erdbebens auf Haiti für ihre Dissertation geforscht hat. Während des halben Jahres, in dem sie in Haiti gelebt hat, lernte sie warme, herzliche Menschen kennen, die sie mit unglaublicher Gastfreundschaft aufgenommen haben. Und nein, auch vor dem Erdbeben war Haiti keineswegs der Vorhof der Elendshölle, als der das Land in den allermeisten Medien dargestellt wird. Auch hier gab es Normalität, lackierten sich junge Mädchen die Fußnägel und versammeln sich Familien, um abends Telenovelas zu schauen.

Haiti, zum zweiten:

Hier gibt es einen sehr guten Beitrag zum Thema „schädliche Entwicklungshilfe“: Es geht darum, warum die Millionen und Abermillionen an Entwicklungshilfegeldern, die seit den 1960er Jahren v.a. von den USA über deren Entwicklungsbehörde USAID sowie von der Weltbank an Haiti gezahlt wurden, die Situation nur noch schlimmer gemacht haben. Ein paar Beispiele:

1. Die Sache mit den Schweinen

Großes Paradebeispiel: Nachdem 1978 in der Dominikanischen Republik das „afrikanische Schweinefieber“ ausgebrochen war, befürchtete man eine Ausbreitung der Krankheit auf haitianische Schweine. Obwohl kaum welche damit infiziert waren, im Gegenteil, die haitianischen Schweine schienen resistent zu sein, erwirkte die nordamerikanische Bauernlobby ein Programm, durch das zunächst alle (!) haitianischen Schweine gekeult wurden. Im Anschluss sollten alle Haitianer neue, aus den USA importierte Schweine erhalten.

Leider konnten diese Schweine sich nicht gut akklimatisieren, kamen mit dem Futter nicht zurecht, etc., so dass am Ende Millionen Menschen ohne Schwein dastanden. Die amerikanischen Schweinewirte allerdings haben sicher gut verdient.

2. Die Weltbank entscheidet

Obwohl längst bekannt war, dass fehlende Landrechte das strukturelle Problem waren, das der geringen Produktivität der haitianischen kleinbäuerlichen Landwirtschaft zugrunde lag, gab es kein Programm, das sich dessen angenommen hätte. USAID führte zwar Programme zur Verbesserung der Landwirtschaft durch, jedoch ohne sich dieses Problems anzunehmen – kommt allzu oft vor und man kann nur den Kopf darüber schütteln!

Obwohl der haitianische Staat um Unterstützung seines eigenen Entwicklungsprogrammes bat – dessen Ziel die Unabhängigkeit Haitis von Lebensmittelimporten war – entschied die Weltbank, dass ihr dieses zu schwammig sei und drückte Haiti stattdessen ein Programm zur Förderung einer exportorientierten Landwirtschaft auf. Dabei sollten Produkte wie Kaffee oder Obst, das dann im Winter in den USA verkauft werden konnte (praktischerweise sind die Transportwege nicht allzu lang), gefördert werden.

Gerne nahmen die Planer dabei eine Landflucht in Kauf – und empfahlen Haiti, die billigen Arbeitskräfte zum Aufbau einer weiteren Exportindustrie zu nutzen: Dem Zusammennähen vorgefertigter Stoffteile zu Kleidung für WalMart, z.B. Zu unmenschlich geringen Löhnen, versteht sich.

Wer sich mit dem Thema „Entwicklung“ beschäftigt, dem sind solche Fälle nicht fremd und weite Teile der Öffentlichkeit stoßen sich gerne an diesen Perversionen der Entwicklungs“hilfe“, die deren Meinung nach sowieso nichts bringt und abgeschafft werden muss.

Entwicklungsexperten sind auch nur Menschen wie Du und ich (und ich gehöre irgendwie auch zum business) – wir alle machen Fehler und überall gehen Dinge schief. Da müssen wir uns nichts vormachen.

Leider ist die Entwicklungszusammenarbeit nur allzu oft Macht- und Interessenspolitik, und diejenigen, die „entwickelt“ werden sollen, sind nur das Feigenblatt für diejenigen, die ihre wahren Interessen verschleiern möchten.

Wir schaffen Arbeitspätze in Haiti – und machen es möglich, dass Amerikaner damit billige Klamotten kaufen können und WalMart Gewinnspannen von wahrscheinlich mehreren hundert Prozent einfährt.

Fragt sich, wer sich dabei am meisten „entwickeln“ kann.

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