Afghanistan und kein Ende

Gestern abend im Weltspiegel: Ein Beitrag zu Afghanistan mit dem Titel „Alltag in Talibanistan“.

Ganz schön heftige Bilder, nach dem Ansehen des Beitrags meint man, alle Afghanen würden entweder den ganzen Tag lang mit der Kalaschnikow ihre Mitmenschen oder ISAF-Angehörige erpressen, die Marihuana-Ernte einfahren, Kinder entführen oder kaufen und verkaufen, von Deutschland bezahlte Straßen mit Panzerketten alter russischer Panzer kaputt machen und abends im Drogenrausch Whisky mit Fanta trinken.

Da ich nie vor Ort war, kann ich natürlich schlecht mitreden, allerdings erschien mir die Bild- und Wortsprache des Beitrags extrem populistisch und reißerisch. Ursachenforschung? Fehlanzeige. Es ist ganz schön schlimm, wenn Menschen gezwungen sind, ein Kind zu verkaufen, um die verbleibenden vier Kinder durchfüttern zu können. Aber das kann man auch in einen Kontext setzen, und versuchen, zu verstehen, warum solche Dinge geschehen und weswegen Familien keinen anderen Ausweg sehen als dies.

Auch die „Warlord“-Geschichte blieb an der Oberfläche. So etwas hat ja einen sozialen Kontext, der, da gebe ich den Berichterstattern schon Recht, aufgrund der extremen Verhältnisse, immer perverser zu werden scheint. Wahrscheinlich waren solche Männer früher die Schutzmacht, die Steuern kassierten und die Menschen im Gegenzug wirklich schützten, heute scheint das anders zu sein. Aber auch hierzu kein Wort. Die Kalaschnikow im Anschlag ergibt immer noch das Beste Fernsehbild.

Sämtliche Grenzen der Ethik hat der Beitrag aber überschritten, als die Journalisten einen entführten Jugendlichen filmten, der mit verbundenen Augen in einem dunklen Verschlag festgehalten wurde. In seiner Hörweite fragte man die Entführer, was mit dem Jungen geschähe, sollten die Eltern das Lösegeld nicht zahlen. Und so, dass der Junge es hören konnte, zählten die Entführer mögliche Alternativen auf. Keine klang so, dass es dem Jungen danach besser ginge.

Es stelle sich jeder vor, in dieser Situation zu sein. Ein Kamerateam filmt mich, das Entführungsopfer, die Entführer lassen mich wissen, was sie alles mit mir anstellen könnten und zack, die Tür geht zu, die Kamera ist aus, ich sitze wieder im Dunkeln.

Das ist eine richtig widerliche Art der Zuschaustellung eines Opfers, die in die zunehmende Brutalisierung der Bildersprache der öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten passt und eine Verhöhnung des minderjährigen Entführungsopfers.

Nach Ansicht des Beitrages frage ich mich, WARUM denn nun alles so ist, wie es ist? Und WARUM es sich nicht ändert. Ich denke, es gibt mit Sicherheit eine Menge Menschen, die sich vernünftige Gedanken darum machen, nicht zuletzt Ethnologen, die sich mit Afghanistan und Zentralasien beschäftigen. Warum fragt die eigentlich niemand? Und warum melden die sich eigentlich so selten zu Wort??

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