Mali: Wie geht es weiter?

Vergangene Woche hatte ich über den Staatsstreich in Mali geschrieben. Zeit für einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge:

  • Die Rebellen der MLNA haben vergangenes Wochenende die drei wichtigsten Städte im Norden Malis eingenommen, Kidal, Gao und Timbuktu. Ein Grund des Staatsstreichs malischer Soldaten war ihr Protest gegen mangelhafte Ausrüstung im Kampf gegen die Rebellen. Folge des Staatsstreichs ist nun, dass der Norden des Landes nun faktisch nicht mehr unter Kontrolle der Regierungsarmee steht und manche BeobachterInnen eine Teilung des Landes für nicht mehr ausgeschlossen halten.
  • In den eroberten Städten leben die Menschen in Angst und unter schwierigen Bedingungen, die Versorgungslage ist angespannt und es gibt Berichte über Plünderungen. Die “Rebellen” sind v.a. zwei Gruppen:  neben der Tuareg-Bewegung MNLA, die für die Unabhängigkeit eines Tuaregstaates kämpft, gibt es die islamistische Bewegung Anzar Edine, die Verbindungen zu al-Quaida haben soll und denen es weniger um die Unabhängigkeit sondern um eine Islamisierung nebst Einführung der Scharia des gesamten Landes wollen. Über 200.000 Menschen sind auf der Flucht vor den vorrückenden Rebellen.
  • Unterdessen hat die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS harte Sanktionen gegen Mali erlassen, nachdem eine Frist an die Rebellen, die Macht an eine zivile Regierung zu übergeben, verstrichen war.  Aus Bamako wird von Hamsterkäufen und Menschenschlangen vor Geldautomaten berichtet.
  • Der Anführer der Putschisten, Captain Sanogo, hat alle politischen Parteien Malis für den morgigen 5. April zu Gesprächen über eine Übergabe der Macht eingeladen, die Vertreter der Parteien haben dies jedoch abgelehnt mit der Begründung, dies garanteiere keine Rückkehr zur verfassungskonformen Ordnung.
  • Die Bundesregierung hat wie EU, USA und weitere Geber ihre Entwicklungszusammenarbeit bis auf weiteres eingestellt. Büros und Ausrüstung von im Norden operierenden Hilfsorganisationen wurden z.T. geplündert und viele haben ihre Nothilfeprogramme zunächst eingestellt, auch aufgrund der teils chaotischen Verhältnisse und unsicheren Versorgungslage.

Es ist also vieles unklar und in der Schwebe, allerdings scheint die Krise wesentlich ernster zu sein als zunächst befürchtet, auch von westlichen Regierungen.

Ein ernsthaftes Anzeichen dafür ist die Evakuierung der Freiwilligen des US-Peace Corps, die, wie der Ethnologe Bruce Whitehouse aus Bamako schreibt noch nie zuvor in 41 Jahren Präsenz vor Ort evakuiert wurden, noch nicht einmal während des Militärputsches von 1991.

Frankreich und die USA haben ihren in Mali lebenden Staatsbürgern derweil die Ausreise empfohlen, noch wird aber nicht evakuiert. Es wird, so Whitehouse, jedoch erwartet, dass sich die Lage vor Ort angesichts des Embargos  sehr schnell weiter verschärfen wird, was die Militärjunta weiter in Bedrängnis bringen dürfte.

UPDATE 6.4.

Die BBC meldet heute morgen, dass die MNLA die Unabhängigkeit des Nordens (“Azawad”) erklärt hat und bezieht sich dabei auf eine Meldung auf der Website der Rebellen. Die Situation ist weiterhin angespannt, viele Menschen fliehen aus den eroberten Gebieten und die Versorgungslage verschlechtert sich stündlich.

Auf der verlinkten Seite der BBC gibt es einige Kurzinformationen über die Tuareg sowie eine Karte der Tuareg-Gebiete in Mali und den Nachbarländern Burkina Faso, Niger, Algerien und Libyen.

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3 Kommentare

  1. kleineethnologin

    @tuli: Danke, ist korrigiert.

  2. Seit der Unabhängigkeit vor über 50 Jahren gab es in afrikanischen Staaten über 100 Staatsstreiche oder Putschversuche. Jetzt leider auch in Mali. Das hat mich überrascht, weil ich Mali offenbar fälschlicherweise für eine der wenigen gefestigte Demokratie in Afrika hielt. Anders als andere afrikanische Staatschefs fürchtete Amadou Toumani Touré nicht den Verlust der Macht und hat die Verfassung nicht ändern lassen. Bei den Wahlen am 29.4. 2012
    wollte er nicht mehr antreten. Der Staatsstreich der Militärjunta hat das Land erheblich geschwächt. Die Tuareg-Rebellen der MNLA , die ihr Kriegshandwerk in Libyen gelernt haben, kamen nach dem Sturz von Gaddafi mit erhebliche Mengen an modernen Waffen ins Land. Sie nutzten jetzt die Krise in Bamako und haben zusammen mit Islamisten, die denTerroristen von Al Qaida/Aquim(sie halten seit Monaten 6 französische Geiseln in ihrer Gewalt ) nahestehen, den Norden Malis mit den Städten Kidal, Gao und Timbouktou unter ihre Kontrolle gemacht. Sie wollen angeblich einen Tuareg-Staat Azawad ausrufen. Allerdings scheint es, dass inzwischen die Islamisten in Timbouktou tonangebend sind. Ihr Anführer, der Algerier Belmokhtar-in seinen Land wegen Terrorismus zum Tode verurteilt- will so seinen florierenden Handel mit Menschen, Zigaretten, Waffen und Kokain aus Südamerika nicht gefährden.
    Nach UN Angaben sind inzwischen über 200000 Menschen auf der Flucht.
    Hintergrund des Konflikts: seit der Unabhängigkeit 1960 wurde der Norden von der Zentralregierung immer wieder benachteiligt. Es wurde kaum in Bildungseinrichtungen oder Krankenhäuser investiert. Brunnen sind selten. Die nomadisierenden Tuareg haben sich mit Schmuggel entschädigt und pflegen -wie auch im Niger- einen Rassismus gegen die Schwarzafrikaner.
    Volker Seitz, Autor “Afrika wird armregiert”

  3. Danke für die Infos! Aus den hegemonialen Medien ist das Thema ja leider wieder verschwunden. Nur das mit der Scharia habe ich gelesen, vermutlich weil dies am besten in den dort gepflegten Zeitgeist passt.

    Ein kleiner Rechtschreibfehler findet sich im dritten Punkt, das sollte wohl Menschenschlangen heißen.

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